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Herzrasen in der Polizeikontrolle

Thilo Schneider • 30. Mai 2023

Ein Drama in einem Akt

Bild von Alexa auf Pixabay
So. Endlich komme ich mal wieder zum Schreiben, ich hänge zur Halskrause mit Arbeit voll. Also "Danke", dass Sie mir die treue gehalten haben. Und los gehts mit einem dramatischen Schmierentheaterstück in einem Akt: 

Kennen Sie Bahar Aslan? Nun, wenn Sie wenig oder gar nicht im Internet und bei Twitter unterwegs sind, dann wahrscheinlich nicht. Aber Sie verpassen etwas. Eine echte Soap-Oper, wie sie nur im Deutschland des Jahres 2023 passieren kann. The story so far: 

Bahar Aslan hat Migrationshintergrund oder Vordergrund oder Hauptgrund. Eigentlich ist sie Hauptschullehrerin, hat aber, keiner weiß wie, einen Job als Dozentin an der Polizeihochschule in Köln zum Thema „Rassismus bei der Polizei“. Gehabt. Dort erklärte sie angehenden Polizisten, wie sie sich unrassistisch verhalten. Sie hat darüber auch ein Buch geschrieben, vielleicht war es das. Nun begab es sich, dass Bahar Aslan wohl, wie jeder von uns, gelegentlich in eine Polizeikontrolle kommt. Menschen ohne Migrationshintergrund haben auch ein mulmiges Gefühl, wenn die Kelle zur Seite winkt, weil sie IMMER irgendwas finden, wenn sie wollen, bei Bahar Aslan löst das aber Herzrasen aus. Wörtlich schrieb sie auf Twitter: 

„Ich bekomme mittlerweile Herzrasen, wenn ich oder meine Freund*innen in eine Polizeikontrolle geraten, weil der ganze braune Dreck innerhalb der Sicherheitsbehörden uns Angst macht. Das ist nicht nur meine Realität, sondern die von vielen Menschen in diesem Land. #Polizeiproblem.“

Ordentlich gegendert legte Bahar Aslan hier schonungslos die Hand in die Wunde. Es gibt also ein Polizeiproblem mit dem „braunen Dreck innerhalb der Sicherheitsbehörden“. 

Exkurs: Stellen Sie sich vor, Sie sind Dozentin zum Themenkreis Transphobie bei den Grünen und sagen folgenden Satz: „Ich bekomme Herzrasen, wenn ich oder meine Freund*innen in ein Treffen von Transmenschen geraten, weil der ganze pädophile Dreck innerhalb der Community uns Angst macht. Das ist nicht nur meine Realität, sondern die von vielen Eltern in diesem Land. #Transproblem“

Was schätzen Sie? Wie lange wären Sie noch Dozentin bei den Grünen? Ich vermute, Sie dürften nicht einmal Ihren Kaffee austrinken! Es kommt noch besser: Zuerst einmal sah sich Frau Aslan einem veritablen Shitstorm ausgesetzt. Selbstverständlich von Rechten und Rechtsextremen. Natürlich. Süffisant kommentierte sie diesen: 

„Wow. Totale Eskalation und das nur weil ich als „migrantische Frau“ meine Perspektive auf die Sicherheitsbehörden geteilt habe. Es tut mir sehr leid, dass die ganzen Meldungen u.a. über die rechtsextremen Chats mich zutiefst verunsichern und beängstigen.“

So. Die Frau aus Migrantinien ist schwer durch rechtsextreme Chats verunsichert. Vorhin war es noch die Polizeikontrolle. Ein User, allerdings beleidigend, droht mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Frau Bahar erklärt nun armwedelnd und sehr ausführlich, wie sie das ja eigentlich gemeint hat, es finden sich Perlen wie „Mein Anspruch als Lehrbeauftragte ist es nicht nur dieser Verantwortung gerecht zu werden, sondern auch „rassismuskritisches Wissen“ in die Institution hineinzutragen, damit angehende Mitarbeiter*innen der Verwaltung und Polizeianwärter*innen eine „diversitätssensible Professionskompetenz“ erwerben und später im Beruf anwenden können.“

Was sie damit meint, ist, dass am Bahnhof nicht nur die „Westasiaten“ und „südländisch aussehenden“ Reisenden auf Drogen und Messer kontrolliert werden sollen, sondern auch Oma Kalupke aus Rübsam am Deich. Sonst isses ungerecht.
   
Am nächsten Tag wird sie etwas spöttisch, die Dozentin gegen Rassismus in der Polizei, es geht um die Dienstaufsichtsbeschwerde:
„Ja, ich bin Lehrbeauftragte an der HSPV NRW. Gerne darfst du dich auf dem „kleinen Dienstweg“ über mich beschweren. Bin mal gespannt was du als Antwort bekommen wirst, wenn du dich darüber beschwerst, dass ich keine Rassisten im Staatsdienst dulde. Berichte ruhig! Viel Spaß!“

Es kommt Bahar Aslan überhaupt nicht in den Sinn, dass sie sich ganz tief reingeritten haben könnte, von Selbstreflektion keine Spur. Sie, Bahar Aslan, duldet keine Rassisten (diesmal nicht gegendert) im Staatsdienst. So. Mach ruhig, Anzeiger. Da lacht sie doch silberhell die Bahar Aslan. Sie fühlt sich sehr sehr sicher. Migrantin mit Missionsanspruch. Was soll schon schiefgehen?

Etwas später ist sie verärgert: 
„Wie denunziert man richtig? Ganz einfach: Man verdreht Aussagen und interpretiert sie bewusst falsch, um die gewünschte Reaktion bei den Behörden zu erzielen. Schon klar, dass eine „Migrantin“, die im Staatsdienst ist und auch noch laut ist, euch nicht gefällt.“

Jetzt steht die Migrantin in Anführungszeichen. Charmant dabei ist, dass Bahar Aslan nicht ganz eine Woche vorher irgendwelche Pfosten angezeigt hat, die auf einem Campingplatz im sächsischen Nirgendwo mit Bier, Grill und Hakenkreuzfahne den Vatertag weggetrunken haben. Da waren die Welt und Denunziation noch vollkommen in Ordnung. 

Mittlerweile ist es Sonntag Abend. Der FOCUS titelt „Polizeihochschuldozentin beschimpft Polizisten als „braunen Dreck“.“ Gut, das kann man so titeln, muss man aber nicht so titeln, aber vom Kern her stimmt die Aussage. Es melden sich die Gewerkschaft der Polizei und die CDU zu Wort. Währenddessen retweetet Bahar Aslan im Minutentakt Solidaritätsadressen vom ebenfalls Polizeikontrollenherzkranken.  

Bahar Aslan fordert das aber auch aktiv ein. Sie twittert: „Dieser Artikel ist heute über mich erschienen. Über Eure Solidarität würde ich mir sehr freuen. Herzchen. Dankeschön.“ Es sieht ein wenig so aus, als würde ihr der Hintern auf Grundeis gehen. Es melden sich Unbekannte, kleine und große Polit- und Journalisten-Promis und alle versichern „volle Soli“. Weil sie ja „den Finger in die Wunde gelegt hat!“ 

Mittlerweile meldet sich ausgerechnet die GdP: „Eine Lehrbeauftragte an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung meldet sich auf Twitter mit erstaunlichen Aussagen. GdP-Landeschef Michael Merten fordert eine arbeits- und strafrechtliche Prüfung. #Gdp #nrw #Polizei #Rassismus #Köln“ 

Das wiederum lässt Frai Aslan nicht auf sich sitzen, sie wollte schließlich nur warnen und nicht verallgemeinern! Sie klagt: „Hey GdP netter Versuch! Mit der Bezeichnung „brauner Dreck“ sind weder alle Polizist*innen (jetzt wird wieder gegendert) oder die Sicherheitsbehörden gemeint, sondern ausschließlich die Gesinnung der Beamt*innen die menschenverachtend und rassistisch unterwegs sind. Ich stehe zu meiner Meinung und auf dem Boden des Grundgesetzes. Wo stehen Sie @gdp_nrw?“

Dann wird es noch unverschämter: „Ich lese mit großer Verwunderung den Shitstorm, welches seit gestern über mich im Gange ist. Auch über das Agieren der @gdp-nrw bin ich sehr erstaunt. Dachte, dass es Konsens ist, dass wie klare Kante gegen Rechts zeigen. Habe mich offensichtlich geirrt.“  

So isse, die GdP NRW, dieser rassistische Haufen von Rassisten. Jeder ist Rassist, der nicht Bahar Aslan zustimmt. Sie meinte ja nur die paar rassistischen Dreckmuckel bei der Polizei. Hashtagte aber „Polizeiproblem“ und bat um Soli-Adressen. Und hat nebenbei die GdP-nrw als Heinrich-Himmler-Gedenkverein enttarnt. 

Danach spielt Bahar Aslan eine Opferkarte nach der anderen, ´s wäre ja nur, weil sie Migrantin ist und ihren Mund aufmacht und soundso. Sie führt sich auf wie Jung-Siegfried vor dem Drachen, sie „steht zu ihrer Meinung“, die sie so ja nicht gemeint haben will oder soll und es wäre alles verdreht. Dann retweetet sie wieder Solidaritätsadressen aus aller Welt, meist von Leuten mit Regenbogenflagge im Namen. Volle Soli! Der Tenor ist immer gleich: Bahar Aslan soll geschasst werden, weil sie den „braunen Dreck innerhalb der Polizei“ kritisiert hat und ihr nun böswillig das Wort im Munde herumgedreht wird. 

Am 22. Mai kündigt Frau Aslan um 9.18 an, dass sie sich jetzt erst einmal von Twitter zurückzieht, nachdem ihr selbst wohl etwas mulmig wird, dass sie sich um ihren Arbeitsplatz getwittert hat. Ab 13.00 Uhr ist sie aber wieder da, neu, jetzt mit „Hassnachrichten“, aber wir alle wissen ja, wie das so mit guten Vorsätzen ist. Jetzt droht sie mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde: „Ich bekomme im Minutentakt Hassnachrichten. Herr Mertens von der @gdp_nrw hat durch seine Aussagen bei @focusonline mich bewusst in diese Gefährdungslage gebracht. Man bedenke, dass dieser Mann Polizist ist. Allein das rechtfertigt eine Dienstaufsichtsbeschwerde bei @IM_NRW.“ 

Ja. Herr Mertens ist schuld. An Allem. Nur sie selbst, sie trifft kein Verschulden. So nicht! Nicht mit Bahar! Mittlerweile hängt sich auch die Amadeu-Antonio-Stiftung mit „voller Soli“ rein, aber es nutzt nichts: Bahar Aslan fliegt achtkantig als Dozentin raus. Sie erfährt es aus der Presse: 

"Das ist aber interessant, dass ich über Journalist*innen erfahren habe, dass man mich meines Lehrauftrages an der HSPV NRW entbunden hat. Auf mein Angebot, welches ich heute morgen an @IM_NRW (wir erinnern uns, sie verlinkte das Innenministerium, um Merten anzuschwärzen) und der Hochschule angeboten habe, gab es keine Rückmeldung. Ich lass das mal so stehen!“ 

Lässt sie aber nicht. „Gesprächsangebot“ ist „Gesprächsangebot“. Na gut. Dann eben schweres Geschütz! Denn jetzt kommt das GANZ GROSSE Kaliber, sie ruft den Halbgott des „Monitor“ an: „@georgrestle: Wollen Sie übernehmen?“

Will er, aber nicht gleich. Während Bahar Aslan herzrasend auf Antwort wartet, retweetet sie eine Soli-Adresse aus ihren Kreisen nach der anderen. Einige dieser Accounts sind klar linksextrem, was nicht verwundert, denn bereits am 29. Januar 2021 schrieb Bahar Aslan: „Ja, ich sympathisiere mit Linksextremisten! Und wissen Sie was? Ich werde morgen @derrechterand abonnieren und finanziell unterstützen, also quasi Ihre Steuern in die #Antifa investieren. Sie dürfen sich gerne bei meinem Dienstherren über mich beschweren.“ Inklusive spöttischem Link zur Homepage ihrer Dienststelle.

Es wird langsam Abend und langsam dämmert es Frau Aslan, dass sie wohl „die Wortwahl unglücklich gewählt hat“ und ihr Rauswurf ernst gemeint ist. Die Arroganz ist verflogen, es wird kuschlig: „Die Ausdrucksweise mag man kritisieren. Vielleicht war es eine unglückliche Wortwahl. Es tut mir leid, wenn sich Polizisten angesprochen fühlen, die vorbildlich ihren Dienst tun. Es ging mir um jene Beamtinnen und Beamte, die sich an rechtsextremen Chats beteiligen, die mit ihrer rassistischen Geisteshaltung ganze Dienststellen vergiften. Sie haben das Vertrauen in diese Institution gerade in der migrantischen Community tief erschüttert.“

Nanu? Wo ist sie geblieben, die „klare Kante“? Es folgen noch jede Menge „Volle Soli“-Retweets und eine sichtlich angefressene Ex-Dozentin schreibt: „Habt ihr das gesehen @IM_NRW? Seid ihr stolz darauf, dass aufgrund eines rechten Mobs und der Berichterstattung eines tendenziösen Schmierblattes, nun meine Entlassung erfolgt ist? Wie ernst ist euer Kampf gegen rechte Strukturen, wenn ich so leicht abgesetzt werden kann?“

Da isse wieder, die Opferrolle rückwärts. Nur, weil man seinen Arbeitgeber beleidigt, kann man doch nicht so einfach abgesetzt werden. Der RECHTE MOB war´s. Das TENDENZIÖSE SCHMIERBLATT war´s. Die Ex-Dozentin kann nichts dafür. Sie wollte ja nur auf „braunen Dreck“ „innerhalb der Sicherheitsbehörden“ hinweisen, der ihr und ihren Freund*innen bei Polizeikontrollen Herzrasen verursacht! So war´s, wallah, isch schwör!

Mittlerweile haben sich die ZEIT, die TAZ und die SÜDDEUTSCHE eingeklinkt und beklagen laut und tränenreich die ungerechte Behandlung der Rassismus-Spezialistin. Bahar Aslan sammelt auf ihrer Wall Soli-Adressen wie ein Heuschnupfenkranker Pollen. Und endlich. Endlich meldet er sich. Das Schwert von Wokistan. Der Schildhalter des Regenbogens. Georg Restle PERSÖNLICH gibt seinen Senf dazu ab: „Kein Mensch ist Dreck. Dass die Polizei ein erhebliches Problem mit rechtsextremen Zirkeln in ihren Reihen hat, gehört allerdings zu den bitteren Wahrheiten in diesem Land. Darauf hinzuweisen ist ein Verdienst, kein Kündigungsgrund. @Bahar Aslan“ 

Okay, das ist jetzt doch eher mau und mehr so: „*seufz* - wenn´s denn sein muss.“ Aber immerhin!
Dafür gibt es jetzt auch Lob der Verfemten: „Wow!! Leute, ihr seid der Wahnsinn! Vielen Dank für die ganzen Nachrichten & den Support! Ganz besonders freue ich mich über die diversen Jobangebote, u.a. auch von Universitäten und Fachhochschulen. Das ist der Wahnsinn!!! Ich werde die Angebote auswerten! DANKE!!“ 

Ein User klebte ihr daraufhin spöttisch ein „Das ist toll. Dann können Sie über strukturelle Benachteiligung und rechten Dreck an Universitäten und Hochschulen berichten! Cleveres Geschäftsmodell! Außerdem sind Sie doch auch Hauptschullehrerin? Wie isses da?“ unter ihren Begeisterungsausbruch – und wurde umgehend geblockt von ihr. Der Demokratin. 

Bahar Aslan beschäftigt sich mit Soli-Adressen, kartet aber noch einmal nach: „Die HSPV NRW hat bis zum heutigen Zeitpunkt nicht das Gespräch mit mir gesucht, trotz Gesprächsangebot, verbreitet aber das Narrativ, dass ich nicht geeignet wäre demokratische Werte zu vermitteln. Damit gibt sie dem verleumderischen Artikel von @focusonline recht. Ich lese keine Distanzierung, keine kritische Kommentierung des Geschehens, was ja eigentlich die Aufgabe einer wissenschaftlichen Einrichtung wäre. Diese Schmutzkampagne, die öffentlich gegen mich gefahren wurde, werde ich nicht so stehen lassen!“

So. Nicht mit der Bahar! Das wird sie so nicht stehen lassen. Jawohl. Frau Aslan sammelt noch einen bunten Strauß mit Solidaritätsadressen und postet gefühlt 120 mal die gleichen Zeitungsartikel. Sie nimmt sich sehr wichtig. 

Was wir tatsächlich sehen, ist eine junge Frau, die arrogant und überheblich den Mund zu voll genommen hat, weil sie sich aufgrund ihrer Herkunft für unantastbar und unangreifbar hielt. Die Kritiker massiv abbügelte und keinerlei Selbstreflektion zeigte. Bis sie ihren Job verlor. Ja, sie hat die falschen Worte gewählt, aber auch ja, sie verhält sich undemokratisch, sympathisiert mit Linksextremisten und ist tatsächlich nicht in der Lage, ihren Beruf neutral auszuführen. Will sie aber auch nicht. Vermeintlicher oder echter Rassismus ist ihr Geschäftsmodell. Es geht um nichts anderes. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass sich Bahar Aslan gegenüber ihrem Dienstherrn so äußert. 

Kein anderer Arbeitgeber hätte sich das derart lange angesehen und auch noch dafür bezahlt, von seinem Arbeitnehmer beleidigt zu werden. Es wundert vielmehr, dass der Rausschmiss nicht früher erfolgte. Aber Bahar Aslan hat ja auch schon hochlukrative Jobangebote. Zumindest, bis sie dort das erste Mal kritisiert wird und dann wieder öffentlich vom Leder zieht. 

Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn es wieder heißt: „Alles Rassisten außer Mutti!“  



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Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.
von Thilo Schneider 2. Februar 2025
Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.
von Thilo Schneider 28. November 2024
Baerbock hat einen. Habeck hat auch einen. Und Scholz auch. Und – jetzt müssen Sie sehr stark sein – Alice Weidel auch: Einen Großvater, der – halten Sie sich fest – bei der Wehrmacht war. Oder sogar bei der Waffen-SS. Haben Sie sich erholt? Gut so! Was allerdings bei den einen als „naja, also, ehm, war halt so“ durchläuft, ergibt bei der anderen eine Art raunende Sippenhaft: „Aha, daher ist die also bei der AfD. Weil der Opa ein Nazi war.“ Ich glaube, es ist genau diese moralische Doppelbödigkeit, die die meisten native Germans in ungute Schwingungen versetzt, um es vorsichtig auszudrücken. Aber ich will auf etwas anderes hinaus: Denn derartiges Raunen im Blätterwald ist immer auch eine gute Gelegenheit, sich einmal mit der eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen. Ich betreibe seit einigen Jahren interessiert die Genealogie meiner Familie. Fast 2.000 Personen tummeln sich mittlerweile im schneiderschen Stammbaum und ein bisschen macht es mich stolz, wie viele Leute sich seit wann Mühe gegeben haben, damit ich als Thilo Schneider diesen Artikel schreiben kann. Übrigens nicht nur mit mir, sondern mit jedem, der diese Zeilen liest. Also: Nichts besonderes, aber trotzdem spannend, die eigenen Wurzeln zu erkunden. Aller Anfang ist einfach, die meisten Menschen werden sich an Vater und Mutter (oder, in ein paar Jahren, Vater und Vater und Mutter und Mutter und Vater zu Mutter und Mutter zu Vater) erinnern. Dann kommen die Großeltern, die die meisten ebenfalls noch kennen dürften. In meinem Fall sind das vier Personen, die zwischen 1900 und 1920 geboren sind und - ich war bereits mit 15 wach genug, um nachzufragen – schlicht Menschen ihrer Zeit waren. So, wie ich Mensch meiner Zeit bin. Ich erinnere mich an die erbitterten Diskussionen meiner Eltern in den 70ern bezüglich des Abtreibungsparagraphen. Meiner Mutter war dafür, mein Vater eher dagegen. Er war auch gegen den Sexualkundeunterricht, der erteilt werden sollte – bis er die Lehrerin kennenlernte. Da war er plötzlich, zum eifersüchtigen Ärger meiner Mutter, dafür. Mein Vater lebte das für die 70er Jahre typische Leben: Haus bauen, Auto kaufen, Ehefrau arbeitet mit dazu, gemeinsam gabs eine hübsche Doppelhaushälfte mit 600 m² Garten für - mein Vater betonte gelegentlich den irren Preis - 160.000,- DM. Da und so wurde ich groß. Gesellschaften endeten meist in einem Gelage aus „C&C“, aus „Cognac und Cigaretten“, das war eben so und war eben so Usus. Wenn ich meinen Eltern etwas nicht verzeihe, dann sind es diese grässlichen Nickipullis für Kinder, in denen wir alle wie die Idioten ausgesehen haben. Erst recht mit den geschnittenen Ponys, die wir heute als „Problempony“ bezeichnen. Kindheit ist für mich der Geruch von Logema-Plättchen, Bohnerwachs und dem sommerlichen Mief eines überhitzten Ford Taunus 17 M TS und Opel Konsul ohne Sicherheitsgurte auf der Rückbank. Und natürlich wurde im Auto geraucht. Was weiß ich noch? Ein Großvater war im Krieg „unabkömmlich“, als Ingenieur in einer Herdbau-Fabrik plante und überwachte er die Fertigung von Panzertürmen. Hat er sich das ausgesucht? Eher nicht. Eines Tages dürfte sein Chef auf ihn zugekommen sein und verkündet haben, dass die Produktion hübscher gusseisener Herde nun auf die Produktion hübscher gusseisener Panzertürme umgestellt wird. Ist eben so. Der andere war tatsächlich gelernter Schneider und erlebte noch die Geburt seiner ersten Tochter mit, bevor er eingezogen wurde. Der war in Norwegen bei den Besatzungstruppen und sah sein Kind dann drei Jahre lang nicht. Bevor er sich eine derart kräftige Lungenentzündung nebst Nierenerkrankung in irgendeinem dämlichen Fjord zuzog, dass er als Kriegsversehrter ausgemustert wurde. Von ihm ist die Anekdote übermittelt, dass meine Mutter mit ihren drei Jahren schreiend davonlief, als er nach Hause kam. Erkannt hat sie ihn erst, als er seine Schirmmütze aufsetzte – da sa er so wie auf dem Bild aus, das meine Großmutter ihr immer gezeigt hatte, nach dem Motto: Das ist der Papa und der hat Dich sehr lieb, aber der ist im Krieg. Der Mann war chronisch krank und lebte bis in zu seinem relativ frühen Tod in den 70ern bei uns. Geblieben ist mir sein Kriegsfotoalbum und die Geschichten, die er zu erzählen wusste. Da steht er immer nur mit irgendwelchen Kameraden herum, im Biwak, auf Wache und in der Kompanieschneiderei. Kein schrecklicher Krieger oder großartiger Held, einfach nur ein junger Typ, der eben im Feldersatzbataillon sein Ding machte. Gekämpft hat er kaum, er hat einfach nur das Glück im Unglück gehabt, sich neben der Lungenentzündung auch eine chronische Nierenerkrankung zuzuziehen. Toll fand er das sicher nicht – ersparte ihm aber den Gang nach Russland. Mein Großonkel, ein junger Typ Anfang Zwanzig, ein, wenn man dem einzigen hinterlassenen Bild glauben darf, hübsches Kerlchen, kam Ende 1944 auf Heimaturlaub in das Kaff, in das meine Großeltern nolens-volens zwangsevakuiert waren, weil sie ausgebombt waren. Meine Großmutter beschwor ihren Bruder, auf und in dem Kaff unterzutauchen, das Kriegsende war absehbar. Aber er wollte seine Kameraden nicht im Stich lassen. Während der Ardennenoffensive hat es ihn dann erwischt, sein Grab habe ich nahe der luxemburgischen Grenze mal besucht. Er hat gleichzeitig sehr ehrenhaft und sehr saudoof gehandelt. Bezahlt hat er seine Treue – nicht zum „Führer“, sondern zu seinen Kameraden - mit seinem Leben. Ein Held? Sicher nicht. Eher einer, der einfach Pech gehabt hat. Meine Urgroßmutter wiederum – da habe ich bei der entsprechenden Stelle nachgeforscht – litt an Schizophrenie und wurde in Hadamar vergast. Ich war dort, in der Gaskammer. Schauderhaft und herzerweichend und ich hoffe für sie, dass sie derart umnachtet war, dass sie nicht mitbekommen hat, was mit ihr passierte. Erschütternd sind die liebevollen Briefe zu lesen, die ihr mein Urgroßvater in die Klinik geschrieben hat und wie ihn die grässlichen Ärzte belogen haben und mit welcher Kaltblütigkeit sie ihre Patienten zuerst verraten und dann umgebracht haben. Ich bin nicht nah ans Wasser gebaut – aber das hat mir die Beine unter dem Leib weggerissen. Ein anderer Onkel wollte Lehrer werden. Der hat erzählt, dass er sich mit seinen 19 Jahren bei der Waffen-SS verpflichten musste. Keine Ahnung, ob das stimmte oder er ein „150%tiger“ war. Auf jeden Fall dauerte das Spiel nicht lange und gleich beim ersten Einsatz geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Auch hier: Glück im Unglück. Seine Tochter hat witzigerweise einen Amerikaner geheiratet, der in unserem Schtetl stationiert war und folgte ihm nach seiner Dienstzeit nach Texas. Die Begeisterung meines Onkels darüber hielt sich in sichtbaren Grenzen. Jeder lebt sein Leben, so gut er es vermag. Aber ich gönnte es ihm. Mein Vater war bei der Hitlerjugend. Er erzählte, dass seine Eltern da furchtbar dagegen waren, ob aus Angst oder Überzeugung weiß ich nicht. Aber alle seine Freunde waren auch dabei! Er hat sich mit Hilfe der NS-Organisation durchgesetzt, nachdem seine Eltern Besuch bekamen, um „einen Sachverhalt zu klären“. Der war mit seinen 14 Jahren Teilnehmer am berühmten „Patton-Raid“ bei Hammelburg und schlug sich danach 14 Tage alleine bis zu seinem Wohnort durch. Bis er ankam, war seine Stadt in amerikanischen Händen und der Krieg für ihn vorbei. Und er, im doppelten Wortsinne, geheilt. Neue Schuhe zu bekommen, war für den Schneiderlehrling das Hauptproblem, wie ein Anforderungsschreiben seines Lehrherren an die amerikanische Kommandantur beweist, die in seinem Nachlass aufgetaucht ist. Ich denke, alle diese kurzen Anekdoten sind charakteristisch für die meisten von uns, die sich mit ihrer noch ziemlich nahen Herkunft beschäftigen. Waren diese Geschichten für uns noch greifbar, weil wir die handelnden Personen kannten und liebten, wird es „nach hinten raus“ schwieriger. Auf den wenigen Bildern aus dem Anfang des letzten und Ende des vorletzten Jahrhunderts – meist gibt es ein Familiengruppenbild, Photographien waren teuer! – stehen sie da, in bröseligem Schwarz-Weiß. So streng und konzentriert, wie wahrscheinlich auch ihr nicht einfaches Leben war. Die Frauen schauen durch die Bank gescheitelt und sehr freudlos aus, kaum jemand lächelt, sie alle tragen einen Look, wie in Gruselfilmen die Geister ausgestattet sind: Im edlen Sonntagsstaat und schlecht gelaunt. Aber so waren sie sicher nicht. Jeder von meinen Vorfahren hatte irgendeine Freude, irgendeine Passion, jeder dürfte das Glück der ersten Liebe und auf jeden Fall des ersten Kusses gehabt haben. Jeder von denen war einmal jung und voller Hoffnung und Freude auf das, was da dereinst kommen mag. Der eine dürfte sich über sein neues Pferd, der andere darüber gefreut haben, als er das erste Auto oder das erste Telefon oder das erste „Rundfunkempfangsgerät“ bekommen hat. Oder den nagelneuen gusseisernen Herd oder die Wäscheschleuder. Jeder von denen hat persönliche glorreiche Siege und vernichtende Niederlagen erleben dürfen, Glück und Leid. Je weiter ich ins 19te Jahrhundert vorgedrungen bin, desto höher wurde die Zahl der Kinder, desto verzweigter die „Nebenlinien“. Fünf, sechs, acht, zehn Kinder – keine Seltenheit. Nicht alle haben die ersten 20 Lebensjahre überlebt. Es wimmelt von Totgeburten, Krankheiten und Unglückfällen und ich sehe sie alle vor mir, wie ihnen das erste Mal verkündet wird, dass sie Vater werden („hurra“) oder das achte Mal („bitte nicht schon wieder“). Die Stammbäume verzweigen sich immer weiter, decken vergessene Familiengeheimnisse wie Suizide oder seltsame Eheschließungen auf. Meine Vorfahren waren im Ersten Weltkrieg, gingen 1866 vor den Preußen in Deckung, waren 1870/71 dabei, erlebten den Durchzug der „Grande Armee“ und dann der Bayern, er- und überlebten Könige, Kaiser, Gebietsneuordnungen, durchziehende Horden, Pest, Pocken und Kinderlähmung und mussten mit all diesen Dingen zu ihrer Zeit und mit ihren Möglichkeiten umgehen. Sie waren Untertanen des Mainzer Bischoffs, dann Untertanen eines Fürstentums, dann plötzlich Bayern. Steuern zahlen mussten sie überall. Unter jeder Herrschaft. Wer wäre ich, das in der Rückschau beurteilen zu wollen? Es waren ihre „über den Leisten geschlagenen Schuhe“ oder einem Toten abgenommenen Reiterstiefel, in denen sie liefen, nicht meine. Ich sehe sie in den Schlangen stehen, bei der Musterung, bei der Essensausgabe, bei der Registrierung ihrer Ankunft in Amerika und nackt vor dem Eingang zu den „Duschräumen“. Es wimmelt von Helden und von Schurken, von armen Bauern, ärmeren Tagelöhnern und ausgebeuteten Mägden. Mit Sicherheit auch von Tätern und von Opfern. Und einen leibhaftigen Dorfschultheiss und wenigstens eine Nonne kann ich aufbieten. Mein Urgroßvater wird unangenehm überrascht gewesen sein, dass ihm die Franzosen das Kaufhaus in Straßburg 1918 nicht ließen… Mir fielen vor einiger Zeit die „Erinnerungen des Generals Marcellin Marbot“, einem französischen Husaren Napoleons, von etwa 1790 bis 1813 in die Hände, in denen er genüsslich eine Anekdote beschreibt: Als er in meiner Heimatstadt stationiert war, kurz vor dem Russlandfeldzu Napoleons, „pflückte“ er in einem kleinen Kaff, das heute Stadtteil ist, „eine zarte Rose des ortsansässigen Müllers“, exakt so beschreibt er es. Es gab nur eine Mühle und meine Großmutter stammt aus dieser Mühle. Vielleicht also ist jener General, der da „Fisematenten“ machte und ein „Techtelmechtel“ hatte, einer meiner Vorfahren und mir gehört zu einem 100stel ein Schloß in Frankreich. Als Nachfahre des dann geborenen Bastards, den einer meiner Vorfahren danach brav aufgezogen hat. Lege ich sein Portrait von 1815 neben ein Foto meines Neffen von 2024 – dann sind das die gleichen Personen. Witzig. Kleine Dramen im großen Theaterstück der Geschichte, Geschichtchen in der Geschichte. Längst vergessen und sie tun nicht mehr weh. Bis ins Jahr 1583 bin ich vorgestoßen, was bei uns Nicht-Adeligen extrem schwierig und selten ist, da die meisten Kirchenbücher im Dreißigjährigen Krieg den Biwakfeuern der Katholiken und Protestanten und Schweden und anderem herumziehenden Gesocks zum Opfer fielen. Und von oben betrachtet bin auch ich nur ein winziges Rädchen, das soeben diesen Text hier geschrieben hat, der bereits in zehn Jahren vergessen sein wird und, sofern es dann noch Strom und Internet gibt, nur mit viel Glück in 100 Jahren noch auffindbar sein wird. Wer von meinen Nachfahren diesen Text also in 100 Jahren liest: Erhebe Dein Glas auch mich und trag mir bitte nichts nach. Ich habe alles so gut gemacht, wie ich es konnte. So war das eben damals, 2024, auch ich bin nur ein Kind meiner Zeit. Also bitte verurteile mich nicht – auch, wenn ich Dich wahrscheinlich, als geschlechts- und CO2-neutrales Kindendes des Jahres 2124, für einen verwöhntes Blag halte. Ich komme eben aus der Vergangenheit.
von Thilo Schneider 12. Januar 2024
„Guten Abend, liebe Zuschauer! Zu unserem heutigen Thema „Wann ist man ein Nazi“ habe ich heute einen absoluten Experten auf diesem Gebiet eingeladen: Werner Strößenbrunner!“ (Applaus, der Experte im grauen Anzug mit einem schwarz-weiß-roten Ansteckerchen betritt die Bühne) „Guten Abend, Herr Strößenbrunner…“ „Obersturmbannführer Strößenbrunner bitte. Aber nennen Sie mich einfach Obersturmbannführer.“ „Danke, Herr Obersturmbannführer. Schön, dass Sie heute unter Gast sind.“ „Ja gerne und ein herzliches Heil! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ „Herr Obersturmbannführer, ich darf Sie unserem Publikum kurz vorstellen: Vorstrafe wegen des Schmierens von Hakenkreuzen auf Synagogen, gewalttätiger Übergriff auf den Wirt eines israelischen Restaurants, Vorsitzender des Vereins „Blut und Boden“, Vorsitzender der Jugendorganisation „Reichskriegsflagge“ und Verfasser des Buchs „Vorschläge zur vorläufigen Erledigung der Remigration“. Herr Obersturmbannführer, würden Sie sagen, Sie sind ein Rechtsextremist?“ „Ach wissen Sie, was heißt denn Rechtsextremist? Heutzutage wird man viel zu schnell von den öffentlich-rechtlichen, von Soros und Rothschild finanzierten Systemmedien in die rechte Ecke geschoben. Ich würde mich als konservativen Patrioten bezeichnen.“ „Naja, das Schmieren von Hakenkreuzen ist kein Kavaliersdelikt…“ „Da war ich 17 Jahre alt. Eine bedauerliche Jugendsünde. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie das war. Ich war da in der Ausbildung zum Landschaftsmaler, das war damals so, und sollte Farbe von A nach B bringen und da war diese Synagoge und ich stand so da und plötzlich waren da mehrere Hakenkreuze drauf. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie das passieren konnte und es tut mir auch leid…“ „Die Hakenkreuze tun Ihnen leid?“ „Nein, es tut mir leid, dass ich nicht mehr Farbe dabeihatte. Ich wollte neue holen, aber da waren die Schergen der linksunterwanderten BeErDe bereits da und haben mich verhaftet. Obwohl ich gar nichts dazu konnte.“ „…und die Körperverletzung…?“ „Ach, ganz normale Wirtshausschlägerei, wie sie bei jedem Dorffest stattfindet…“ „…das war keine gezielte Attacke auf den jüdischen Besitzer?“ (seufzt) „…er wollte uns hindern, unsere Brandsätze zu zünden. Was hätten Sie denn in meiner Situation getan? Natürlich habe ich ihm auf die Menora gegeben, das war aber mehr so ein Reflex, so aus der Drehung heraus. Das wurde damals von der ostküstenfinanzierten Lokalpresse schrecklich aufgebauscht…“ „Sie müssen aber schon zugeben, dass das ein wenig den Eindruck erweckt, als hätten Sie etwas gegen Juden…“ „Was? Nein! Ich habe gar nichts gegen Juden, da sind ja schon die ursprünglich von den Nazis verschärften Waffengesetze außen vor!“ „Würden Sie, Herr Obersturmbannführer, sagen, dass Sie Antisemit sind?“ „Nur, weil ich keine Juden mag? Das wird ja wohl noch erlaubt sein!“ „Aber es sind ja nicht nur Juden, um die es Ihnen geht?“ "Ich habe ein generelles Problem mit Volk, das nicht hierhergehört! Und nicht nur ich! Sehen Sie sich doch um! Die ganzen Schleiereulen, die Kopftuchstaffeln, die stark pigmentierten Menschen, das ist doch nicht mehr schön? Da muss man doch etwas tun! Gegen diese Umvolkung muss sich doch ein rassisch gesundes Volk bis zur letzten Patrone mit fanatischem Widerstand durchsetzen!“ „Das ist ein gutes Stichwort! In Ihrem Buch zur Remigration schlagen Sie beispielsweise vor, dass Bürger mit deutschem Pass, deren Ahnenreihe nicht wenigstens vier Generationen zurückreicht, die Staatsbürgerschaft entzogen werden soll, wenn sie einen zweiten Pass haben.“ „Ja, da muss man sich eben mal entscheiden, ob man deutsche Sozialleistungen oder türkischen Wehrdienst und Erben genießen will. Sie haben ja auch keine zwei Frauen, sondern müssen sich für eine entscheiden. Wenn Sie jetzt nicht gerade aus dem Nahen Osten kommen.“ „Wäre das aber nicht ein klarer Verstoß gegen das Grundgesetz?“ „Ach, das kann man mit 2/3-Mehrheit ändern, da sehe ich jetzt kein so großes Problem.“ „Außerdem schreiben Sie, dass Sie straffällig gewordene Bürger entweder nach Möglichkeit abschieben oder zu körperlicher Arbeit verpflichten wollen!“ „Ja, ich halte das für eine gute Lösung! Wir kaufen den Marokkanern, Tunesiern oder Libyern ein Gelände in der Wüste ab und da packen wir das ganze Kroppzeug hin. Da können sie dann den ganzen Tag Sandsäcke füllen, was wiederum den Opfern in unseren Hochwassergebieten zugutekäme.“ „Auch das wäre aber nicht nur ein Verfassungsbruch, sondern sogar ein ethischer Dammbruch. Obersturmbannführer, klare Frage, klare Auskunft: Sind Sie für ethnische Säuberungen in Deutschland?“ „Ach, „ethnische Säuberungen“, das ist auch nur wieder so eine Hohlphrase aus der linken Ecke, um patriotische Deutsche zu framen und zu verunglimpfen. Ich will hier einfach nicht so viele Westasiaten haben. Ein paar sind ja in Ordnung und machen im Niedriglohnsektor einen ganz guten Job, einer muss ja das Essen an den Tisch bringen und Opa mal im Pflegeheim umdrehen, aber das heißt doch bitte nicht, dass hier gleich eine Umvolkung stattfinden muss…“ „Auch das war aber jetzt bereits rassistisch!“ „Ach, was heißt denn „rassistisch“? Ich sag doch nur, wie es ist und wie es die Mehrzahl der Bevölkerung sieht!“ „Glauben Sie, die Mehrheit sieht das so?“ „Wenn wir erst einmal die Mainstream-Medien übernommen haben, dann werden die das so sehen, mein Wort darauf!“ „Sie planen also so eine Art „Machtergreifung“? „Auch wieder so ein Wort aus der linksradikalen Mottenkiste. Wir reden davon, wie wir die politischen Verhältnisse in Deutschland im Sinne des deutschen Volkes neu ordnen können.“ „Ist es korrekt, dass Sie in Ihrer Funktion auch Gespräche mit den Spitzen der AfD führen?“ „Das sind nur private Gespräche, ganz locker und ohne jeden Hintergrund, man kennt sich doch, da sehe ich jetzt kein Problem. Die denken ja im Grunde wie wir, trauen sich nur nicht, das laut zu sagen, aber man wird ja wohl noch auf ein Bier gehen dürfen! Das wird alles viel zu hoch aufgehenkt.“ „Herr Obersturmbannführer, was wäre denn für jemanden wie Sie ein Nazi?“ „Das wäre jemand, der zwischen 1890 und 1930 geboren ist und Mitglied bei der NSDAP war. Das wäre ein Nazi.“ „War Hitler ein Nazi?“ „Ich glaube nicht, dass man das so pauschal sagen kann, er war zwar Mitglied der Partei, aber er hat ja auch die Autobahnen gebaut, die Kirchensteuer eingeführt und die Schreibschrift reformiert, das darf man nicht vergessen!“ „…und was wäre für Sie ein Rechtsextremist?“ „Das wäre jemand, der Leute in Gaskammern schicken oder vernichten will und dazu auch noch Nachbarländer überfällt. Das ist ja nicht das, was wir wollen! Aufgrund der Demographie brauchen wir kein neues Land im Osten. Da müssen wir erst einmal hier wieder auffüllen.“ „Herr Obersturmbannführer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Guten Abend.“ „Heil!“
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